Wiederholte Fehlgeburten

Von wiederholten Fehlgeburten oder habituellen Aborten spricht man, wenn sich bei einer Frau zumindest 3 Fehlgeburten zunächst unklarer Ursache ereignet haben. Mit dieser Situation ist etwa 1% aller Paare mit Kinderwunsch konfrontiert.

Von den vielen Gründen für habituelle Aborte sind nur elterliche Chromosomenstörungen (z.B. balancierte Translokationen), das Antiphospholipid-Syndrom als eine erworbene Störung der Blutgerinnung, Gebärmutterfehlbildungen und eine Schwäche (z.B. durch chronische Infektionen oder vorausgegangene operative Eingriffe) des Gebärmutterhalses wissenschaftlich gesichert. Als weitere Ursachen gelten hormonelle Störungen (Hyperprolaktinämie, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Gelbkörperinstabilität, Hyperandrogenämie sowie, fraglich, das PCO-Syndrom), angeborene Störungen (z.B. Faktor-V-Leiden-Mutation, Prothrombin-Mutation, Protein-S-Mangel, Protein-C-Mangel, MTHFR-Mutation), Autoimmunerkrankungen (Systemischer Lupus erythematodes) oder Infektionen durch Mycoplasmen, Ureaplasmen, Chlamydien und Toxoplasmen. Als mögliche Erklärung wiederholter Fehlgeburten wird auch eine gestörte Interaktion von mütterlichem und kindlichem Gewebe angenommen. Der Embryo trägt ebenso viel genetische Information vom Vater, wie von der Mutter und wird deshalb bei seiner Einnistung vom mütterlichen Organismus als fremd erkannt. Während aber sämtliche fremden Organismen vom Immunsystem lebenslang stets abgetötet werden, wenn sie versuchen, in den Körper einzudringen, muss der mütterliche Körper dem Embryo gegenüber eine Toleranz entwickeln.

Es wird angenommen, dass ein Faktor für diese Toleranzentwicklung Mikroverletzungen der Scheide beim Geschlechtsverkehr sind, durch die das Immunsystem der Frau mit den Antigenen ihres Sexualpartners konfrontiert wird. Eine möglichst hohe Varianz der HLA-Antigenität der Partner scheint hier begünstigend für eine spätere Elternschaft zu sein.

Durch Forschung zu Eizellspenden wurde weiter erkannt, dass Embryonen keine individuelle, jedoch eine spezifische, vom adulten System abweichende HLA-Antigenität besitzen. Endometriale Natural Killer (NK)Zellen vermitteln dabei wesentliche Aspekte der Immunabwehr und –toleranz des mütterlichen Organismus gegenüber dem sich einnistenden Embryo: NK-Zellen zirkulieren im Kreislauf, wandern bei Ovulation in die Gebärmutterschleimhaut, werden dort spezifisch programmiert und vermitteln bei der Einnistung durch ihre sekretorische Aktivität von Zytokinen, wie Interleukinen, und weiteren Mediatoren der zellulären Kommunikation die Fähigkeit der Gebärmutterschleimhaut, die Einnistung des Embryo zu unterstützen.

Die Plazenta benutzt die Gefäße der mütterlichen Gebärmutterschleimhaut zur Versorgung des sich entwickelnden Lebens. Hierzu produziert sie Mediatoren, die das Gefäßwachstum steuern und diese Gefäße eröffnen. Gelingt dies nicht in adäquater Weise, wird der Embryo nicht ausreichend versorgt und stirbt ab. Andere Folgen können die Entstehung von Schwangerschaftserkrankungen (Gestosen) oder eine ausbleibende Lösung der Plazenta bei Geburt sein. Rheumatische Erkrankungen können durch Störung der Gefäßproliferation, Thrombophilien (z.B. genetisch determiniert oder durch Erkrankung erworben) durch Störung der Blutgerinnungsfunktion zu Fehlgeburten führen.

Wiederholte Fehlgeburten stellen sowohl für die Mutter wie die behandelnden Ärzte eine große emotionale Belastung dar. Bei über 30% der betroffenen Frauen kommt es zu einer klinisch signifikanten Depression, in 20 % zu Angstzuständen. Frustrierend ist dabei insbesondere die Tatsache, dass bei einem Teil der Betroffenen mit den bislang verfügbaren diagnostischen Mitteln noch kein Grund für die Fehlgeburten gefunden und dementsprechend auch keine erfolgversprechende Behandlung angeboten werden kann.

Lässt sich jedoch durch eingehende Diagnostik eine ursächliche Klärung herbeiführen, kann in vielen Fällen die ungewollte Kinderlosigkeit überwunden werden. Besonders beim medizinischen Verständnis auf dem Gebiet der Gerinnungsdiagnostik und –therapie sind in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt worden. Bisher lieferten die wissenschaftlichen Daten keinen Beweis dafür, dass Immuntherapien generell die Geburtenrate verbessern könnten. Aber mit einer immunologischen Diagnostik und Therapie kann bei betroffenen Paaren im Einzelfall doch der Kinderwunsch erfüllt werden.

Aber auch genetische Erkrankungen oder Störungen des Genoms der Eltern können habituelle Fehlgeburten verursachen. So gibt es zahlreiche sehr seltene rezessiv vererbte Erkrankungen, die beim Genträger keine Störung erkennen lassen, da er auch ein zweites gesundes Gen (Allel) besitzt. Kommt das rezessive Gen jedoch in den Familien beider Eltern vor, können die betroffenen Eltern beide das Gen an ihre Nachkommen vererben. Dann fehlt das gesunde Gen beim Kind, was in vielen Fällen nicht mit dem Leben vereinbar ist. Dies hat vor allem (aber nicht ausschließlich) Relevanz bei naher Verwandtschaft der Wunscheltern.